Aktienboss


Geschäftsberichte lesen


"Ist das langweilig..." der Blick in die Geschäftsberichte:

Geschäftsberichte lesen

So, wir sind bei einem Punkt angekommen, den einige Privatinvestoren ausklammern, da er sie zu Tode langweilt, zu kompliziert erscheint oder einfach "vergessen wird": der Blick in die Geschäftsberichte.

 

Neben Daten von Nachrichten und- Finanzseiten solltest du auch einen "kurzen" Blick in die Unternehmensberichte werfen. Diese können locker 200, 300 oder noch mehr Seiten umfassen. Das alles zu lesen, halten wir für einen Normalsterblichen nicht umsetzbar (neben Schule, Studium oder Beruf). Aber zwischen "gar nicht lesen" und "einen Blick reinwerfen" liegt ein gewaltiger Unterschied!

 

Wichtig ist, dass du die Sprache des Managements verstehst. Dieses wendet sich zu Beginn immer an die Aktionäre. Neben den Zielen und Strategien kannst du auch alle hier thematisierten Daten den Geschäftsberichten entnehmen.

 

Unternehmensinterne Prognosen und Aussichten für das folgende Geschäftsjahr sind natürlich manchmal kritisch zu sehen, da die meisten Aktiengesellschaften rhetorisch geschickt sind und manche Aussage eher einer puren Werbebotschaft ähnelt. Nicht nur das Unternehmen im Blick haben, sondern auch die Branche, in der es tätig ist.


Beispiel

Geschäftsbericht

Die "Rollatorstuhl Aktiengesellschaft" prognostiziert enorme Umsatz- und Gewinnsteigerungen in den nächsten Jahren. Diese Prognose begründet sie mit der Alterung der Gesellschaft. Gut, das klingt logisch, als potentieller Aktionär solltest du dir aber auch die Frage stellen, ob "mehr alte Menschen" auch automatisch "mehr verkaufte Rollatoren" bedeutet. Denn die Gesellschaft altert nicht nur, sie ist vielleicht auch viel länger gesund und eben nicht zwangsläufig auf "mehr Gehhilfen" angewiesen. Du solltest immer alles durchdenken und gerne auch kritisch hinterfragen. Überall im Netz findest du zu den meisten Branchen unabhängige Statistiken, die sehr aussagekräftig sein können.

 

Ein weiteres Beispiel: Jeder kennt Coca Cola als weltweit agierendes Unternehmen. Wie ist die Preissetzungsmacht der Aktiengesellschaft, trinken die Leute mittlerweile lieber gesünderes Zeug, kann Coca Cola auf diesen Zug aufspringen? Welche Konkurrenzprodukte drängen in den Markt, die "grüner" und "köperbewusster" beworben werden? Etc.

 

Vergleichen wir die Investition in Aktien mit einem Autokaufe, so kannst du ja mal selbst vergleichen, wie lange du hier recherchieren würdest.


Zusammengefasst: Werde selbst tätig, indem du den Unternehmensnamen mit "Investor Relations" googelst und einfach mal beginnst, dir einen ersten Überblick zu verschaffen.


Erneut kommt André Kostolany ins Spiel:

André Kostolany

Mit seiner 80jährigen Börsen-Erfahrung brachte es André Kostolany mal wieder auf den Punkt. Mit folgenden Aussagen meinte er übrigens nicht, dass es völlig egal ist, welche Aktien man kauft.

  • "Kosto" sah es wohl ähnlich wie Albert Einstein: "Phantasie ist wichtiger als Wissen!" Sein größtes Handwerkszeug bestand nicht nur aus dem stupiden Studieren endloser Bilanzen und der Geschäftsberichte, sondern aus seinem regen Interesse an all seinen Mitmenschen. "Was benötigen sie, welche Sorgen gibt es und worüber kommunizieren sie?" Mathematiker, VWL- und BWL-Jünger sah er als die schlechteren Investoren an, da sie stetig versuchten, mit Mathematik Ordnung in das vermeintliche Chaos zu bringen.
  • Mit "Phantasie" erkannte er u.a. zukünftige Wachstumsbranchen, die noch nicht zu extremen Kurssprüngen geführt hatten, da diese noch kein mediales Interesse fanden. Berichtet die Presse irgendwann von extremen Wachstumschancen, so sollen bereits stark gestiegene Aktien oft einfach nur weiter an den Mann/die Frau gebracht werden: "Erst kommen die Kurse, dann die Nachrichten", so "Kosto".
  • Auch zu den Berechnungsmethoden eines "fairen Aktienpreises" äußerte er sich oft kritisch. Simpel zusammengefasst: Die Aktienpreise sind immer höher oder niedriger als ihr wahrer Wert. Dabei ist es höchst subjektiv, ob man eine Aktie als zu teuer oder zu günstig ansieht, der Aktienpreis wird eben von Millionen von Anlegern unterschiedlich eingeschätzt: "Und deshalb versagen auch alle Experimente, mit Computern oder anderen Zauberregeln eine Börsentendenz, geschweige denn präzise Kurse, voraussagen zu wollen." (Kostolany)
  • Zur Berechnung der beliebtesten Kennzahl meldet sich der Altmeister der Börse ebenfalls sehr realitätsnah zu Wort: "Auch die Beurteilung des Kurs-Gewinn-Verhältnisses (KGV) einer Aktie [...] ist rein psychologischer Natur. [...] Man kann aus dieser Beurteilung keine Rückschlüsse auf die weitere Entwicklung ziehen, da die Behauptung `unter- oder überbewertet´ kein arithmetisches Axiom, sondern eine relative Beurteilung ist, die in großem Umfang psychologisch bedingt ist."

Natürlich soll das alles nicht bedeuten, dass du Unternehmen überhaupt nicht mehr analysierst. Neben dem endlosen Studium legal manipulierbarer Bilanzdaten solltest du allerdings mindestens genauso viel Zeit in deine "Phantasie" investieren. Und dann suchst du dir finanziell stabile Unternehmen aus dieser Branche. In guten Börsenzeiten werden übrigens auch die schlecht wirtschaftenden Aktiengesellschaften oft mit nach oben gezogen, das nur am Rande.